Lebenskunst und poetische Existenz

Gespräch mit Jörg Magenau 2025

JÖRG MAGENAU: Dein Werk umfasst fünfzehn Titel in 42 Jahren. Es ist überschaubar, auch deshalb, weil es sich um schmale Bücher handelt. Sie brauchen nicht viel Raum, weil sie so dicht sind. Sie öffnen sich beim Lesen nach innen, weiten sich aus in der Zeit, denn davon handeln sie auch: von Raum und Zeit, vom All und der Unendlichkeit. Doch zugleich verharren sie im ganz Konkreten, Dinghaften, Alltäglichen, wo das Leben sich abspielt. Zumeist lässt du ein Ich, eine Ich-Erzählerin sprechen. Nur im Debüt „Das Vergnügen“ und in einigen Erzählungen ist das anders. Was ist das für ein Ich, das du in deinen Texten etablierst? Eine literarische Figur? Ein Alter Ego? Eine Erzählinstanz?

ANGELA KRAUSS: Darf ich etwas ausholen? Am Anfang meines Erwachsenenlebens wollte ich bildende Künstlerin werden. Ein erstes Studium ging in Richtung Gebrauchsgrafik, Schrift, bevor ich mich danach für die Literatur entschied. Die Literatur hat gewonnen, ohne dass ich das rational erklären könnte. Anfang der Zwanziger kamen in mir Fragen zurück, die ich schon in der Pubertät gefühlt hatte: Was ist das hier? Wo bin ich? Mit diesen Fragen nähere ich mich offenbar seit je her der Welt. Das zieht mich in jeder Weise ins Leben hinein.  Damals nun hatte ich das prägende Ereignis meiner Jugend zu verarbeiten, den Freitod meines Vaters. Literarisch? Der Anspruch war zu hoch. Ich spürte das. Was in mir war, hatte keine Worte. Jetzt stellte sich die Frage so: Wer will da eigentlich schreiben? Wer ist das? Ich? Welches Ich? Diese Frage ist so fundamental – die Antwort kann eigentlich nur gefühlt werden, kaum formuliert. Wer kann sagen, welchen Raum dieses Ich in uns einnimmt? Zweifellos reicht es weit über das autobiografische hinaus. Um dieses autobiografische Ich – das wusste ich instinktiv – ging es mir nicht. Das war nicht das, was ich an Erkenntnis suchte im Zusammenhang mit dem Erlebnis des Todes meines Vaters. Und so habe ich bewußt Umwege eingeschlagen, habe im ersten Buch „Das Vergnügen“  etwas ganz anderes erzählt  und in der dritten Person.  Erst achtzehn Jahre später war ich in der Lage, in der Art und Weise „Ich“ zu sagen, in der ich die Geschichte meines Vaters schreiben konnte. Als Künstler soll man sich erklären, warum man etwas so und nicht anders macht. Es ist nicht zu erklären. Dem sogenannten Schaffensprozess liegt keine Erklärungsnot zugrunde, sondern das freie Erleben, das umgesetzt wird in eine Form, in eine Gestalt. Das Konzept, so es das gegeben hat, löst sich im geglückten Kunstwerk auf. Es ist nicht mehr auffindbar. Erst mit „Der Dienst“, der Geschichte meines Vaters, war ich so weit, „Ich“ zu sagen, weil ich mir dieses Ichs nun sicher war.

Was heißt? Was ist das für ein Ich?

Das ist ein überpersönliches Ich, das dem Leser gestattet, hinein zu schlüpfen und das mich mit allen Lesern verbindet. Es hat mich fortan vor diesem Autobiografie-Ich bewahrt, auch wenn autobiografischer Stoff in meinen Bücher zu finden ist. Dabei ist die Grenze zur Fiktion  für mich selbst nicht auszumachen, sie löst sich bereits vor dem Schreiben auf. Und das zunehmend. Es ist eine Frage der Intensität. Die Erlebnisstärke beim Schreiben übertrifft die ursprüngliche mühelos. Übrigens eine fantastische Erfahrung, im wahrsten Wortsinn.

Also es ist ein Sich-weg-schreiben vom Autobiografischen, in dem aber das Autobiografische doch der Ausgangspunkt ist? Das Material sind Fragmente des gelebten Lebens, die zur Sprache kommen. Es ist also eine Art von Ich, das bist Du. Und gleichzeitig ist es ein Ich, das etwas ganz anderes darstellt.

Es ist offen für alle. Auf einer tiefen Ebene bin ich es in meiner überzeitlichen Essenz sozusagen. Das geht weit über Autobiografie hinaus..

Die Hoffnung, dass andere sich in das eigene Ich hineinlesen und hineinfinden, können autofiktionale Autoren doch aber genauso haben, also Karl Ove Knausgård zum Beispiel oder Annie Ernaux, die ganz direkt am eigenen Leben entlangschreiben. Warum reicht dir das nicht? Warum bist du da skeptisch?

Ich wäre gefangen in meiner eigenen Biografie. Nach der suche ich aber nicht, ich suche nach Erweiterung, Entgrenzung, deshalb schreibe ich. Mein persönliches Leben ist dabei eine Inspiration. Eine Inspiration, über es hinauszugehen.

In „Eine Wiege“ habe ich die sehr schöne Formulierung gefunden: „Die einzige ersehnte Konsequenz des Dichtens: dass meine Person in ihrer poetischen Gestalt restlos auf- also untergeht.“

Ja. Das würde ich mein Credo nennen.

In „Eine Wiege“ arbeitest du mit Fotos aus der Kindheit, Fotos, die dein Vater gemacht hat. Da würde man doch sofort sagen, das ist eine Form von Autobiographie, von Kindheitsbuch. Es ist zugleich lyrisch, poetisch und doch Prosa. Ich weiß gar nicht, wie man das nennen soll, was dabei entsteht. Aber du würdest dich sicher dagegen wehren, „Eine Wiege“ als autobiografisches Buch zu betrachten.

Wie gesagt, ich habe keinerlei Interesse an Autobiografie. Deshalb war dieser Vorsatz nötig, den du zitiert hast, damit das von meiner Seite ausgeschlossen wird. Wir wissen, wie verlockend es ist zu glauben, etwas sei autobiographisch, worunter gern verstanden wird: die sogenannte Wirklichkeit. Keiner kann sich dem ganz entziehen, ich selbst auch nicht. Der Mensch ist neugierig auf den anderen. Wer dazu noch private Fotos aus der Kindheit bietet, lädt ja geradezu ein zu dieser Lesart. Aber gerade das hat mich ungeheuer gereizt.  Die erste Prüfung war „Der Dienst“, weil er auf autobiografischen Tatsachen beruht. „Eine Wiege“ bedeutete angesichts der Fotografien: Erhöhung der Prüfungsbedingungen. Aber man ist mir auch hier nie zu nahe getreten mit der Bemerkung: Oh, das bist ja du!  Meine Person ist also in ihrer poetischen Gestalt auf- und untergegangen.

Wann hast du zum Ersten Mal auf deine Bücher geschaut und gesagt, das sind nicht nur einzelne Titel, das ist ein Werk? Hast du das Gefühl, das ist etwas Ganzes, das zusammengehört? Gibt es so etwas wie ein Werk-Gefühl?

Das bildet sich allmählich heraus. Auf meiner Website gibt es eine Rubrik „Werk“, aber das ist eher so gemeint, dass ich da am Werk bin. Damit ist kein qualitativer Werkbegriff gemeint. In „Werk“ steckt ja das „Werken“ mit drin. Zusammenhänge ergeben sich auch dadurch, dass ich mich immer wieder mal spielerisch selbst zitiere. Mozart hat das ja auch so gemacht. Beim letzten Buch „Das Weltgebäude muss errichtet werden. Man will ja irgendwo wohnen“ geht das bis in den Titel. Der Satz stammt aus „Im schönsten Fall“. Das war 2011. Das Weltgebäude zu errichten hat heute eine ganz andere Dringlichkeit bekommen, deshalb habe ich den Satz als Titel gewählt. Ich mache das also nicht nur deshalb, um die einzelnen Bücher miteinander zu verbinden. Es macht mir große Freude. Es ist wie ein Knüpfen am ganzen Netz, dem der Literatur und des Lebens. Dabei merke ich ganz nebenbei, dass ich tatsächlich an e i n e m Werk schreibe.

Gibt es so etwas wie eine Entwicklung? Schreibst du dich zu etwas hin, dem du von Buch zu Buch näherkommst?

Das geschieht von selbst, es ist ein Wachsen im Leben. Ich komme im Leben einem Etwas näher. Was ist das? Vollkommenheit, Erkenntnis im Rahmen dessen, was Beschränktheit und Unvorhersehbarkeit des Lebens erlauben. Ich reflektiere, komponiere das schreibend, in Formen, Szenen.

In deinen Poetikvorlesungen. „Die Gesamtliebe und die Einzelliebe“ erzählst du einen Traum, in dem du das Werk siehst. Das ist ein Block aus Sandstein, kantig behauen. Als Traumgegenstand lässt es sich aber nicht festhalten. Die Träumerin weiß, wenn sie jetzt zum Stift greifen würde, um das alles aufzuschreiben, wäre der Traum verloren. Also lässt sie es und gleitet zurück in den Traum.

Ja, ich sah ein einzelnes Werk im Traum. Ich habe damals den“ Dienst“ gesehen. Eine Zeitlang hatte ich eine ganze Traumserie. Immer wenn ich zu einem neuen Buch ansetzte, habe ich es im Traum gesehen. Einmal als barocken Schuh mit einer Schleife darauf, einmal diesen Sandsteinblock, und jedes Mal wusste ich, ich sehe jetzt mein Werk. Ich habe das Symbol seltsamerweise immer sofort verstanden, es wies auf Gestalt, Rhythmus des Textes hin. Einmal war es eine Torte, eine fein ziselierte Schokoladentorte.

An einer anderen Stelle in den Poetikvorlesungen setzt du das Werk mit dem Sein gleich. Da sprichst du von Eigensinn, von der Zauberkraft des Bewusstseins, von Sehnsucht, Erwartung, Phantasie, Liebe. Das sind die Kräfte, die das Sein hervorbringen. Und dann schreibst du: „Das war mein Werk, mein Kunstwerk.“ Da geht es nicht mehr um ein einzelnes Buch, sondern tatsächlich um ein in Jahrzehnten geschaffenes Werk: das Sein.

Das Werk sind nicht die Bücher. Es ist die Lebenskunst. Sie besteht in erster Linie darin, dass man sich seiner bewusst wird. Nur dann kann man aus dem Leben mit all seinen Banalitäten ein Kunststück schaffen. Es muss nicht unbedingt Literatur daraus werden. Es kann auch etwas anderes entstehen. Ein Spiel etwa, eine bewusst gewordene Lebensweise, ein Lebensentwurf, der eine Versuchsanordnung bleibt, alles Mögliche. Mir wurde offenbar in die Wiege gelegt, nach einer poetischen Existenz zu streben, das Leben als Kunstwerk auffassen zu wollen. Dass dabei Bücher entstehen, ist ein schöner Nebeneffekt.

Ist das nicht ein bisschen bescheiden formuliert?

Eher nicht, ein Leben als gelungenes Kunstwerk stellt doch den denkbar höchsten Anspruch dar. Aber ich liebe die Herausforderung, deshalb habe ich mir unter den Künsten wohl auch die schwerste gewählt, die der Sprache. Nur in der Sprache drücken wir alles durch das Sieb des Verstandes, kein Celloklang, keine Farbe, kein Tanz kennt diesen Verstandesfilter. Diese Künste treffen direkt auf die Sinne, ins Herz. Ich habe also die Wortkunst gewählt, um dann festzustellen: Ich will das Wort überwinden. In meiner Jugend habe ich Leistungssport getrieben, vielleicht besitze ich ein Gen dafür, das Schwierigste zu suchen. Milliarden Menschen bedienen sich achtlos eines Materials, aus dem einige von ihnen Kunstwerke erschaffen, die inmitten dieser Achtlosigkeit wahrgenommen werden wollen. Mit diesem Material, dem Wort, muß also etwas geschehen, es muß gewissermaßen gereinigt, befreit werden von dieser Abnutzung, die heute vor allem ein medialer Verschleiß ist. Die Sprache erleidet derzeit einen beispiellosen Wertverlust. Das Wort muß wieder glänzen, klingen. Als würde es zum ersten Mal gehört. Dafür werden Gedichte geschrieben. Oder wie man es auch nennen mag, das ursprünglich klingende Wort.

Haben deine Bücher deshalb keine Gattungsbezeichnung? Nur die Erzählungen sind als Erzählungen ausgewiesen, und beim Debüt „Das Vergnügen“ steht „Roman“ außen drauf.

Das hat man mir aufgezwungen. Damals war ich noch nicht durchsetzungsfähig genug gegen das Argument, dass eine Buchhändlerin doch wissen müsse, wo sie das Buch hinstellen soll.

Seither ist es dir offensichtlich gelungen, die Gattungsbezeichnung zu vermeiden. Wie würdest du deine Art des Schreibens bezeichnen?

Als Kunststück, als literarisches Kunststück, als Prosakunststück? Aber eigentlich widerstrebt mir das Benennen. Ich war auf zwei großen Lesereisen durch die USA. Einer der Professoren dort hat mir gesagt: Lassen Sie sich niemals ein Genre aufzwingen. Sie sind das Genre! Das hat mir natürlich gefallen. Ein anderer schlug vor: „Narratives Persönlichkeitsarrangement“. Das wäre die germanistische Einordnung. Sehr interessant. Aber ich brauche es natürlich nicht. Kunststück reicht. Es entspricht meiner sinnlichen Vorstellung davon, was ich mache.

Ein Roman zeichnet sich meistens durch eine Handlung aus. Es passieren Dinge, die man nacherzählen kann. Es gibt identifizierbare Figuren, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Und es gibt auch eine zeitliche Ordnung. Es muss nicht unbedingt chronologisch sein, aber doch nachvollziehbar. Um eine Geschichte zu erzählen, braucht es Anfang und Ende. Wenn es stimmt, dass deine Bücher alle zusammengehören, haben sie vielleicht keinen Anfang und kein Ende, sondern sie gehen immer weiter. Es gibt Handlungselemente, aber selten eine wirklich nacherzählbare Handlung. Jedenfalls ist das nicht das Wesentliche. Mir scheint, dass du die Romanhaftigkeit sehr bewusst unterläufst.

Stimmt. Auch will ich gar nicht erst jemanden in Versuchung bringen, eine Handlung nacherzählen zu wollen. Literatur, die ich schätze und wie ich sie schreiben möchte, ist nicht nacherzählbar. Ich will keine Geschichten erzählen. Ich bin den Strukturen des Lebens auf der Spur, und die Strukturen des Lebens zeigen bestenfalls an der Oberfläche überschaubare Verläufe. Wir brauchen diese Oberfläche, damit wir uns besser orientieren können und uns beruhigen, dass etwas Bestimmtes tatsächlich geschehen ist. Aber wenn jemand sagt: Ich bin von da nach dort gegangen, dann habe ich den getroffen und der hat mir das und das erzählt, und dann bin ich weitergegangen, dann wird das ihn selbst nicht befriedigen. Denn erlebt hat er etwas anderes. Vielleicht ist er aufgewühlt oder erleuchtet oder beglückt. Aber wo war der Grund für das, was ihn so beglückt oder aufgeregt hat? Das ist nicht darstellbar in einer Abfolge von Ereignissen. Das sind Erlebnis-Cluster in uns, die sich miteinander und obendrein mit dem verbinden, was wir in der Vergangenheit erfahren haben. Diesem Erleben bin ich auf der Spur. Das will ich so erzählen, dass es noch einmal erlebt werden kann. Das erfordert Erzählstrukturen, die dieses Erleben abbilden.

Es geht um eine ganz bestimmte Art und Weise des Erlebens, die plausibel oder nacherlebbar gemacht werden soll. Oder wie es in deinen Poetikvorlesungen heißt: „Erzählen heißt, eine Form finden. Die Form ist das, was das Erzählte vom Erlebten unterscheidet.“ Das wirft jedoch die Frage auf, welche Form das ist. Eine Form hat ja auch schon wieder etwas Beengendes, und eigentlich suchst du nach offenen Strukturen, in denen sich die verschiedenen Möglichkeiten des Erlebens ausdrücken lassen.

Es kann nicht die Form sein, in der wir normalerweise unser Erleben, um es schnell erfassbar zu machen, abspeichern. Es muss eine andere Form sein, eine offenere, aber gleichzeitig bewußt strukturierte. Das dürfte vielleicht schon an den Büchern erkennbar sein, dass ich einer strengen Form folge.

Und diese Form, so heißt es an derselben Stelle, dient dann auch der „Selbstfindung“, die im Schreiben intendiert ist. Das ist in meinen Ohren fast ein Schimpfwort, Selbstfindungsliteratur. Da gibt es ganze Regale in den Buchhandlungen, die das versprechen. Aber das meinst du gerade nicht.

Nein, das meine ich nicht.  Selbstfindung geschieht ohnehin durch jedes Werk, nicht nur ein literarisches. Wer nach sich sucht, findet sich in jeder Reaktion, in jeder Handlung, in seinem ganzen Weltbezug. Im Schreiben suche ich nicht mich; mir geht es um das Aufspüren von Formen, in denen wir leben und erleben und in denen sich uns das Leben offenbart. Und das ist grenzenlos, was sich einem da offenbart. Da müsste man hunderte Jahre leben.

Oder wahnsinnig dicke Bücher schreiben. Aber das tust du ja nicht.

Das geht gar nicht, weil ich meine Bücher in einem überschaubaren Spannungsbogen schreibe. Ich könnte es auch Erregungsbogen nennen. Am Anfang steht jedes Mal ein spontaner Impuls aufgrund eines Verliebtseins – in einen seltsamen Anblick, eine flüchtige Begegnung, einen plötzlichen Einblick, etwas, das mir die Welt neu erklärt. Und dieser freudige Impuls begleitet mich in variierter Weise durch den ganzen Text. Ich bin tatsächlich die ganze Zeit verliebt. Die Zeit vergeht im Flug. Als schriebe ich ein Gedicht. Ich bin keine epische Natur, ich brauche den Funken der Initiation vom Anfang bis zum Ende. Im Schreiben wie im Leben. Dabei ist meine Weltwahrnehmung vornehmlich auf ein Ganzes fokussiert, auf das ganze Gedicht. Deshalb sind auch meine Prosastücke so aufgebaut, dass alle Details mit allen in Beziehung stehen. Das kann man nur rezipieren, indem man es in einer Zeitspanne liest, die es erlaubt, diesen Zusammenhang zu halten. Wie beim Lesen von Gedichten.

In den Poetikvorlesungen unterscheidest du ereignisbezogene und erlebnisbezogene Autoren. Und es gibt noch eine andere Polarität, auf die du da zu sprechen kommst, nämlich Fühlen und Denken, was beides im Schreibprozess eine Rolle spielt. Wenn man sich in der Sprache bewegt, geht es nicht anders als reflektierend. Das ist auch eine Spannung, die im Schreiben entsteht. Müsstest du das Denken nicht abschalten können, um zum reinen Erleben vorzudringen?

Na, sagen wir mal, das Denken hat schon auch seinen Reiz. Wenn man sich bewusst ist, dass man damit zwar etwas sehr scharf formulieren kann, es aber gleichzeitig immer wieder auflösen muss, das Denken immer wieder lockern muss. Denken bedeutet bei mir nicht, mit einem bestimmten Konzept an ein Buch heranzugehen. Das ist mir völlig fremd. Das heißt nicht, dass ich keines habe, aber es ist wiederum eine Mischung aus Denken und Gefühltem und Geträumten. Eine bewegliche Figur aus all dem, die ich nicht verschriftlichen kann. Das ist meine Art Konzept.

Aber es gibt ja nicht nur ein Konzept vorher, sondern auch eine Bearbeitung hinterher. Und das heißt: Reflexion am Text. Was kann ich brauchen, was kann ich nicht brauchen? In welche Ordnung bringe ich das?

Das geht so: Ich schreibe ganze Passagen, die ändere ich nicht. Und dann gehe ich wieder ein bisschen herum, lebe und tue so, als wäre nichts, treffe mich mit anderen. Als wäre nichts. Am schönsten ist es natürlich, wenn die anderen etwas ahnen von dieser Art Leben und vielleicht sogar in ähnlicher Weise mit sich selbst unterwegs sind. Alleinsein gehört dazu, für sich sein, mit mir sein. Ich bin nicht in der Lage, an einem Tag zu zwei Treffen zu gehen. Ich meine mit Treffen konzentrierte Begegnungen. Dafür bin ich zu offen. Es geht immer nur eines, und davon kann ich dann lange zehren. Ich vergesse den anderen nicht. Man ist ja frei und hat die Möglichkeit, sich seine Mitmenschen auszuwählen, mit denen man Zeit verbringt. Aber dass man im Grundsätzlichen mit sich selbst tief befreundet ist und aus dieser Haltung heraus auf andere zugeht und so übrigens auch auf das Schreiben zugeht, das ist das Entscheidende. Ich recherchiere auch nicht. Nie. Ich habe das einmal versucht. Das ist totes Material. Oder Einfälle in Notizbücher schreiben, um sie dann später „zu verwenden“ – schon beim Gedanken der Verwendbarkeit erlischt mir jeglicher lebendige Impuls. Was bleibt ist totes Material. Alles Zweckbezogene ist für mich untauglich, weil leblos. Ich kann nur auf das unmittelbar Wahrgenommene, Erinnerte, Gefühlte literarisch reagieren. Zu all dem gehört ein bestimmtes Leben. Von dem niemand weiß. Auch das geht mit der Poetischen Existenz einher: ganz hier sein und ganz woanders.

Martin Walser hat das einmal als „Verbergungs-Entblößungs-Spiel“ bezeichnet: Schreiben, um alles sagen zu können, aber nur als Verborgenes. Deshalb schrieb er Romane, die es erlauben, sich zu öffnen, sich zu zeigen, aber eben, indem man sich verbirgt im Text, in den Figuren. Das ist die Verwandlung des Lebensstoffes in Literatur.

Ja, Martin Walser hat das großartig beherrscht, auch im Vortrag. Dieses Entblößen, das erfordert eben die hieb- und stichfeste Form, damit es nicht missverstanden wird. Auf der Theaterbühne bleibt der Darsteller auch in den seelisch intimsten Szenen in der Rolle, also in der Form. Und gleichzeitig kommt die Kraft einzig aus seinem authentischen Ich. Auf der Bühne meiner Bücher tritt meine Ich-Darstellerin auf.

Dazu gehört immer auch die Außenwelt, Dinge, Straßen, Städte, Körper, Tiere, Menschen. All das lässt sich in deinem Werk verorten, als gäbe es ein Koordinatensystem, das alles zusammenhält. In der Mitte der Welt, am Nullpunkt, liegt Leipzig und dort wiederum das Haus der Erzählerin, das sich von Buch zu Buch verwandelt und immer weiter aufgefächert wird. Die Wohnung unterm Dach, das Fenster, das Ausblick bietet auf den Güterbahnhof und auf den nahen Zoo. Von dort aus liegt in der einen Himmelsrichtung der Westen, vor allem mit New York als Sehnsuchtsort. In „Die Überfliegerin“ geht die Reise dorthin; „Milliarden neuer Sterne“ ist ein New York Buch. Und auf der anderen Seite gibt es den Osten mit Moskau als Ort, der aufgesucht wird, auch weil eine Freundin dort lebt. Und über allem spannt sich der Himmel, die Sterne. Das ist die Grundordnung für alle deine Bücher, die sich wie Planeten um das Zentrum herumbewegen. Es gibt also sehr konkret den Ost-West-Gegensatz als Grundordnung, aber zugleich eine Tendenz ins Unendliche

Meine Lebensspanne fällt nun gerade in diese Zeit, in der die Polarität auf die Spitze getrieben und auch als solche postuliert wird. Das ist für mich eine wunderbare Versuchsanordnung, Ost und West, wobei sich der Blick auch umkehren lässt: Man geht nach Osten und kommt im Westen an, man geht nach Westen und kommt irgendwann wieder im Osten an. Aber schon dieser Kontrast mit der Polarität auf der einen Seite und der Grenzenlosigkeit auf der anderen Seite ist für uns nicht fassbar. Man muss einmal in Peru unterm Nachthimmel gestanden haben, um eine Ahnung davon zu fühlen, wurde mir erzählt. Ich war noch nicht dort. Deshalb muss ich mir diese Ahnung im Geiste schaffen. Ich bin mir aber immer bewusst, dass es in diesem Koordinatensystem hier, in dieser polaren Zurichtung, in der wir leben, ein Rundum gibt, das wir nicht erfassen können. Deshalb hat es mich damals so fasziniert, als die ersten Bilder des Hubble-Teleskops veröffentlicht wurden. Die sind eine Ungeheuerlichkeit an Schönheit und an Rätselhaftigkeit. Das Polare ist das Fassbare. Wenn ich davon schreibe, dann um mich und andere in unserer irdischen Existenz zu identifizieren: Ja, das sind wir hier, wir erkennen uns wieder.  Aber wir ahnen das Andere, das Unfaßbare. Nicht nur angesichts des Kosmos, sondern ebenso in Gegenwart eines anderen Menschen. Danach sehnen wir uns insgeheim, nach der Weite, eigentlich nach dem Wunder im anderen. Davon schreibe ich.

Das heißt, das zugrundeliegende Konkrete, der Ost-West-Gegensatz, die Weltordnung, ist nur der Ausgangspunkt, der dazu dient, sich davon wegzuschreiben?

Das Konkrete ist ein Anker. Ich verankere mich physisch in dieser Weltordnung, wie ich sie vorfinde. Andernfalls verschwände man doch ehe man sichs versieht im Irgendwo. Es ist wie bei Gedichten. Sind sie zu vage geraten, kann man nichts mehr fassen, dann lösen sie sich auf. Es muss überall Körper im Raum geben. Und Ost und West kann man im Sinne von Topoi durchaus als Körper im Raum betrachten.

Das schreibst du so ähnlich auch in den Poetikvorlesungen: „Meine poetischen Baugründe sind die Körper und der leere Raum, die Körper, deren Anwesenheit uns letztlich als Spiegel unserer eigenen Leibhaftigkeit dient. Der Raum, der von Körpern freigelassene, von Körpern verdrängte und von Körpern umbaute Raum.“

Ja. Das ist meine Art der Weltwahrnehmung. Sie ist in erster Linie sinnlich, in zweiter emotional, in dritter gedanklich, reflektierend. In der Wortkunst gehört Disziplin dazu, der Reflektion die erste Stelle zu verweigern. Das im Diskursraum herumgeisternde Wort darf nicht zu schnell da sein. Das Wahrnehmen hat Vorrang: Körper und der leere Raum.

Die Ost West Koordinaten waren früher durch den Kalten Krieg und die Mauer bestimmt. Heute bedeutet der Ost-West-Gegensatz etwas ganz anders. Es sind zwar noch dieselben Wörter, aber nicht mehr dieselbe Sache. Indem man in diesem Koordinatensystem verharrte, wurde man einmal durchs All und wieder zurückgeschleudert.

Das Ganze löst sich wie alle unsere Vorstellungen oder Konzepte auf, wenn wir woanders sind, sei es nun im Westen, in New York, oder im Osten, in Moskau. Die Welt, die ich dann wahrnehme, ist jenseits der gedachten, interpretierten. Das wird uns helfen, die neuen Entwicklungen zu verstehen, denn unser vertrautes „Ost-West“ löst sich ja gerade auf.

Aber das Politische an und für sich interessiert dich ja eigentlich nicht. Wenn es eine Rolle spielt, dann nur indirekt, hinter dem Rücken der Erzählerin.

„Hinter dem Rücken“ ist gut, aber dass es mich nicht interessiert, kann ich nicht sagen, im Gegenteil. Als Mensch in der Gesellschaft lebe ich gerade jetzt sehr neugierig inmitten dieser. Gleichzeitig schaue ich mir das Stück auf unserer Erdenbühne mit jener Distanz an, die nach etlichen Erfahrungsjahrzehnten geboten ist. Was nun meine Erzählerin betrifft, so gilt für diese eine Regel von Anfang an: Es dürfen keinerlei Partikel aus dem politischen Gesprächsraum in die Literatur eindringen. Alles muß Gestaltung finden. Das ist heute herausfordernd. Früher galt es nur den Begriff DDR samt einiger Synonyme zu vermeiden. Ein einziges Mal zeige ich ihn: In Eine Wiege gibt es die Fotografie eines Segelflugzeugs in der Luft, in den Fünfziger Jahren. Auf einem Flügel steht DDR, winzig. Diese Lakonie könnte ich meine politische Ästhetik nennen. Heute haben wir eine ganz andere Situation. Der mediale Raum ist überall, direkt oder als Echo. Er ist auch von politischen Formeln, Phrasen durchzogen. Ist das noch aufzulösen? Zugunsten von Klarheit, Wahrhaftigkeit? Bleiben wir berührbar durch das Wort? Selbstverständlich zweifle ich keinen Moment daran. Denn ich erlebe es.

Und das in der Hoffnung, dass wir uns dadurch in dieser konkreten, politisch in Unordnung geratenen Welt besser zurechtfinden, mithilfe der Literatur?

In „Die Überfliegerin“ gibt es eine Passage, eine meiner liebsten Stellen, wie die Russen damals nach der Wende ihre Kasernen abgebaut haben: „Die Russen sind fort“. Die Russen haben mich seit meiner Kindheit begleitet, sie waren immer da, und diese kindliche Liebe kann niemand ausräumen. Dafür ist Literatur da, dass man dem anderen Menschen unmittelbar begegnet. Das soll man im Leben tun, aber auch die Literatur kann daran erinnern, wie alle Ideologie in dem Moment zerfällt, in dem wir dem anderen begegnen. Das ist für mich das Politische der Literatur, wie ich sie schreibe.

Zu dem räumlichen Koordinatensystem gehört auch eine Zeit-Achse als dritte Dimension. So wie das Wohnhaus in Leipzig die Mitte darstellt, so gibt es auch einen Nullpunkt in der Zeit: Das ist das Jahr 1989. Du sagst sogar einmal in „Wie weiter“ explizit, 1989 markiere die Mitte deines Lebens. Gilt das heute noch oder hat sich der Mittelpunkt verschoben?

Man sollte die unterschwellige Wirkung von Symmetrien in den Lebensdaten nicht unterschätzen. Mein gefühlter Mittelpunkt ist inzwischen auf die Jahrtausendwende vorgerückt. Er ist offenbar beweglich. Natürlich war der Mauerfall 1989 das bedeutendste, ja das einzige Geschichtsereignis, das ich erlebt hatte. Bis dahin beneidete ich die Generation meiner Eltern und Großeltern, die ich in der großen Geschichte des letzten Jahrhunderts sah. Jetzt endlich hatte die Weltgeschichte also auch mich erreicht. Und das ganz unmittelbar: in Leipzig, wo ich zuhause bin, vor meiner Haustür. Ich habe erlebt, nicht gleich reflektiert. Das beispiellose Geschenk dieses Unmittelbaren begreife ich aus dem Abstand heraus immer mehr. Mittlerweile wird das weltweite Signal des Mauerfalls geradezu übertrumpft, nur nicht in so schön eindeutiger Weise wie damals, es ist stattdessen ein unüberschaubares Geschehen, das die Welt ein weiteres Mal neu ordnet. Aber 1989 bleibt lebendig in seinen Nachwirkungen. Ich lerne beständig dazu; es ist meine Geschichte. Erst vor kurzem bin ich wieder gefragt worden, ob sich mein Schreiben nach 1989 verändert habe. Das hat es natürlich nicht!

Natürlich nicht?

Natürlich nicht! Ich wäre beunruhigt.

Ich finde schon, dass „Das Vergnügen“ und auch noch „Der Dienst“ in einem ganz anderen Stil gehalten sind als deine späteren Bücher. Schon deshalb, weil es in „Das Vergnügen“ keine Ich-Erzählerin gibt. Ich finde schon, dass es da eine Zäsur gibt.

Ich glaube, das hat weniger mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. Der eigene Ton ist etwas Essentielles, tatsächlich ja auch Physisches. In ihm zeigt sich unser Sein in der Welt, also wie wir diese Welt auffassen, ihr begegnen, sie zum Ausdruck bringen. Beim Blick aufs Ganze höre ich mich in jedem Buch heraus. Nicht in der jeweiligen Komposition mit oder ohne Ich-Figur, sondern im Grundton. An seinem Grundton ist der Mensch erkennbar.

Zu dieser Wahrnehmungsweise gehört bei dir zwingend das Imperfekt als Erzählform. Es ist undenkbar, dass du im Präsens schreiben würdest.

Passagenweise erzeugt es eine plötzliche Lebendigkeit, das geschieht im Schreiben dann im richtigen Augenblick. Als durchgehende Form würde ein langer Text im Präsens wohl auf der Aktionsebene verharren. Und die Lebendigkeit auch.

Darf ich aus „Sommer auf dem Eis“ zitieren? „Man hat von der Vergangenheit immer eine einfache Vorstellung. Das Leben als Gegenwart dagegen übersteigt alle Fantasie. Nur als Vergangenheit lässt sich das Leben so herrichten, dass man halbwegs etwas erkennt.“ Das ist ein programmatischer Satz. Das heißt, es geht gar nicht, über Gegenwart zu schreiben. Man ist darin viel zu sehr gefangen.

Es gibt nichts anderes als Vergangenheit – sobald man zu denken beginnt. Man könnte auch sagen: Durch das Denken und Schreiben machen wir die Gegenwart, in der wir einfach so wunderbar präsent sind, permanent zur Vergangenheit. Unter diesem Aspekt hat der Blick auf das Ganze, den wir miteinander auf mein Werk geworfen haben, etwas Schmerzliches und Beglückendes. Alle Literatur ist aus Lebenszeit gemacht. Und zugleich hoch verdichtetes, tief bewußt gewordenes, nochmal geschenktes Leben.